Als Kind dürfen die Gefühle und Emotionen noch raus
Zu Hause habe ich zwei Kleinkinder, die regelmäßig in völlig normale emotionale Krisen verfallen. Wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen verläuft, brechen sie oft in Tränen aus und es gibt kein Halten mehr. Sie lassen ihren Gefühlen und Emotionen freien Lauf. Dieser Zustand kann leicht eine halbe Stunde andauern. In dieser Zeit darf ich meine Kinder oftmals weder ansprechen noch berühren oder weggehen. Und erst recht darf ich nichts sagen. Kurz gesagt – egal was ich tue, es ist nicht richtig. (Ich bin sicher, viele Mamas unter den Leserinnen können diese Situationen nur zu gut nachvollziehen.)
Als Mutter ist es natürlich schwer, solche Ausbrüche auszuhalten. Doch eine innere Stimme beruhigt uns und sagt: Es ist ein Kind. Kinder können ihre Emotionen noch nicht so gut regulieren. Es geht vorbei.
Doch haben wir als Erwachsene gelernt unsere Emotionen zu regulieren?
Wenn ein Erwachsener in einen heftigen Gefühlsausbruch gerät, wird das in unserer Gesellschaft oft schnell negativ bewertet. Besonders im beruflichen Umfeld habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein Tränenausbruch einem Sprung ins offene Meer gleicht – ein stürmischer, unberechenbarer Ort, an dem man sich entblößt und verletzlich den rauen Bedingungen ausgesetzt fühlt.
Dabei wird man oft mit folgenden Kommentaren bombardiert:
»Die ist zu emotional.«
»In Tränen auszubrechen ist unprofessionell.«
»Sie nimmt das zu persönlich.«
»Sie nimmt sich durch ihren emotionalen Ausbruch ihre Autorität.«
Kürzlich erzählte mir ein guter Freund von einem Vorfall in seiner Firma, bei dem seine Chefin vor dem gesamten Team, einschließlich des Vorstands, in Tränen ausbrach. Es zeigt uns, dass emotionale Ausbrüche auch in den höchsten Positionen passieren können, und dass hinter jeder Führungskraft ein Mensch mit Gefühlen steht, der ebenfalls Unterstützung und Verständnis benötigt.
Ein Gefühlsausbruch tritt oft auf, wenn sich Emotionen über längere Zeit angestaut haben
Wenn scheinbar unkontrollierbare Tränen fließen, ist oft schon viel zuvor passiert, auf das keine Beachtung geschenkt wurde. Ein winziger Tropfen hat das Fass, wie man so schön sagt, zum Überlaufen gebracht.
Es ist also entscheidend, die eigenen Emotionen nicht zu ignorieren, denn das funktioniert nur für eine begrenzte Zeit. Denn steckt das belastende Gefühl noch in uns drin, baut sie eine Art Unterdruck in uns auf. Folgen dann weitere Emotionen, die nicht verarbeitetet oder angenommen werden, wird der Druck in unserem Körper weiter erhöht. Irgendwann, meist zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt verschafft sich der emotionale Druck dann selbst seinen Raum und bricht aus uns heraus.
Nimm deine Emotionen liebevoll an.
Sie sind wertvolle Wegweiser für dich.
Wie möchte man nun mit den ausgebochenen Emotionen umgehen?
Nun sind wir alle Menschen und manchmal passiert es, dass wir von unseren Emotionen und Gefühlen überwältigt werden und sie einfach herausbrechen. In solchen Momenten brauchen wir nicht auch noch eine Extraportion Scham, die unseren ohnehin angeknacksten Selbstwert weiter belastet.
Deshalb ist es entscheidend, wie wir mit einem solchen emotionalen Ausbruch umgehen. Anstatt hart mit sich selbst ins Gericht zu gehen, stelle dir doch einmal folgende Fragen:
Was könnte jetzt sogar gut daran sein, dass du deinen Gefühlen freien Lauf gelassen hast?
Was hast du dadurch in Gang gesetzt?
Was verändert sich durch diese Fragen in dir? Welche Gefühle tauchen nun in dir auf?
Wie können starke Emotionen und Gefühlen nun aber sofort reguliert werden?
Starke Emotionen und intensive Gefühle können uns manchmal überwältigen und unser Handeln beeinflussen. Wie können wir in solchen Momenten schnell wieder einen klaren Kopf bekommen? Im folgenden Abschnitt möchte ich dir einige hilfreiche Tipps vorstellen, die dabei unterstützen können, starke Emotionen effektiv zu regulieren und die innere Balance wiederzufinden.
Nimm deine Gefühle und Emotionen an und benenne sie
Stell dir ein Kind vor, das richtig wütend ist. Vielleicht hat ihm ein anderes Kind etwas aus der Hand gerissen, und es reagiert, indem es möglicherweise das andere Kind haut, kneift oder boxt – etwas, das bei kleinen Kindern nicht selten vorkommt. Wenn ein Erwachsener eingreift und laut »Stopp« ruft – was passiert dann mit dem Kind? Wird es sein Verhalten einstellen? Vielleicht. Aber wird die Wut dadurch verschwunden sein? Ganz sicher nicht.
Ähnlich ist es, wenn wir als Erwachsene versuchen, unsere eigenen Emotionen zu unterdrücken und uns innerlich dafür bestrafen. In Gedanken sagen wir uns vielleicht Dinge wie: »Ich will nicht so fühlen« oder »Warum bin ich nur so wütend? Es gibt doch keinen Grund, so wütend zu sein.« Dadurch wird unsere Emotion jedoch nicht schwächer.
Wenn wir jedoch unsere Emotionen annehmen, schaffen wir uns damit auch die Option sie wieder loszuwerden.
Um Emotionen anzunehmen ist es hilfreich, sie erst einmal zu benennen. Wenn wir ihnen eine Bezeichnung zuweisen, verlieren sie etwas von ihrer überwältigenden Macht, ohne dass wir sie beiseiteschieben.
Ein nützliches Werkzeug um Gefühle einzuordnen ist das Rad der Gefühle, das dir unten zur Verfügung steht.
Erzeuge Distanz zu deinen Gefühlen durch die Wahl deiner Worte
Ein weiterer Tipp, um nicht mit der Emotion zu verschmelzen, ist die Formulierung: statt »Ich bin wütend«, sage lieber »Da ist Wut«. Diese kleine Veränderung schafft bereits etwas Distanz und ermöglicht es dir, die Rolle des Beobachters einzunehmen.
Wie sehen deine Emotionen und Gefühle als Gestalt aus?
Nachdem du deine Emotion benannt hast, stell dir vor, sie sitzt dir gegenüber. Ja, richtig gehört: Setze deine Emotion gedanklich auf einen Stuhl vor dir und visualisiere sie. Wie sieht sie aus? Welche Farbe und Form hat sie? Blickt sie dich an oder schaut sie woanders hin? Lass deiner Fantasie freien Lauf.
Wenn du dich eine Weile mit der Gestalt deiner Emotion auseinandergesetzt hast, frage die Gestalt, was sie jetzt braucht. Hat sie ein bestimmtes Bedürfnis, das in letzter Zeit vernachlässigt wurde? Vielleicht möchte sie einfach eine Weile an deiner Seite bleiben und dich begleiten. Oder sie möchte nur kurz gesehen und anerkannt werden.
Indem du dich auf diese Weise mit deinen Gefühlen und Emotionen auseinandersetzt, kannst du ihre Botschaften besser verstehen und ihnen die Aufmerksamkeit geben, die sie verdient.
Foto von Madison Oren auf Unsplash